OIH-HomepageNetzwerkWohnheimAG'sAktuellesSurfbrettAG's
 
Fotokurs  
 Bildanalyse
 
Dieses Foto ist ein Zitat von der Seite http://www.mamiya.com/assistants/sabo.asp?id2=1025    Photo by: 
  Nina Sabo 
  Subject: 
  Liv Tyler for Life Magazine, 1997 
  Camera: 
  Mamiya RZ67 Pro II 
  Lens: 
  Mamiya 140mm f/4.5 
  Published: 
  November, 1997
Zitat von http://www.mamiya.com/assistants/sabo.asp?id2=1025
 
Betreff: Re: Tips: blaue Stunde + Portrait
Datum: Sun, 24 May 1998 22:28:21 +0200
Von: Hendrik <hendrik@mail.oih.rwth-aachen.de>
Firma: Aachen University of Technology / Rechnerbetrieb Informatik
An: Jochen Siebert <Siebert@physik.rwth-aachen.de>
Foren: de.rec.fotografie

Jochen Siebert schrieb:

Hi,

auf der Mamiya Homepage habe ich ein Portrait gefunden, das mir  von der Lichtstimmung sehr zusagt und ich gerne (aehnlich) fotografieren wuerde.  (siehe: http://www.mamiya.com/Section1/Showcase/sabo.htm)   Ich tippe mal darauf, dass es in der sog. "blauen Stunde" fotografiert wurde und mit einem entfesselten Blitz. Sind meine  Vermutungen richtig? Habt Ihr weitere Tips fuer die Umsetzung?  Wie erreiche ich diese Kombination von Resthelligkeit (man kann  den tiefblauen Himmel noch sehen) und Ausleuchtung der Person?
 
 

Hallo Jochen,

das alles kannst Du bei uns im Fotokurs lernen. ;-))
Hatte sowieso für die nächsten Stunden (wenn das Wetter wieder besser ist) vor, mit dem Blitz zu arbeiten.
Zunächst einmal sagt Dir das Bild nicht nur wegen der Lichtstimmung zu (diese ist nur das i-Tüpfelchen), sondern vor allen wegen der sorgfältigen Farbwahl. Derart wirkungsvolle Bilder erreichst Du mit den Mitteln der Bildgestaltung und nicht (nur) mit einer bestimmten Technik (oder einer bestimmten Kamera, kleine Anspielung :-) )!

Schau Dir das Bild an und überlege, ob es noch genauso gut wäre, wenn man eine andere Farbzusammenstellung gewählt hätte.

Die Jacke, der Schal und die Haare des Models sind dunkel und farblos. Damit rahmen sie gewissermaßen das helle Gesicht ein. (Tip: Kleidung der Modelle auf ihre Haarfarbe abstimmen.) Es wirkt hier neben dem Bildgestaltungsmittel "Einrahmung mit Hilfe des Hell-Dunkel-Kontrast" der Unbuntkontrast. Eine farbige Fläche (hier das Gesicht und insbesondere der rote Lippenstift), die von einer unbunten Fläche umgeben wird, wirkt auf den Betrachter intensiver. Die unbunte Fläche besitzt keine Buntkraft, so daß die farbliche Intensität der Kontrastfarbe alleine wirkt. Es entsteht eine ähnliche Farbwirkung wie beim Komplementärkontrast, den es bei diesem Bild aber nicht gibt. Beide werden wegen ihrer starken Wirkung häufig in der Werbung verwendet. Das Modell mußte sich ein weißes Hemd anziehen, damit man den grau-schwarzen Schall noch zur Geltung kommt und der Bunt-Unbuntkontrast nicht zerstört wurde. Und das weiße Hemd mußte von dem dunkleren Schal größtenteils überdeckt werden, damit es nicht die einrahmende Wirkung des Hell-Dunkel-Kontrastes (Der Blick wird von der hellsten Fläche im Bild angezogen.) zerstört.
Diese Wirkung unterstützt auch der dunkelblaue Hintergrund. Gleichzeitig erzeugt er einen Simultankontrast zum Gesicht, zum Jackenfell und zum weißen (daran kann man es wohl am besten sehen) Hemd, welche dadurch etwas gelblicher wirken. Wird eine reine Farbe in ein ihr gleich helles, graues Quadrat gestellt, so erscheint dieses Grau auf Gelb hellviolett, auf Orange bläulichgrau, auf Rot grünlichgrau, auf Grün rötlichgrau, auf Blau orangegrau und auf Violett gelblichgrau. Zu jeder Farbe erscheint das Grau angetönt von der Komplementärfarbe. Dieses Phänomen bezeichnet man als Simultankontrast. Er läßt sich durch das Bemühen des Wahrnehmungsapparates (die Zäpfchen im Auge können sich in ihrer jeweiligen Farbempfindlichkeit anpassen) erklären, eine möglichst deutliche Form- und Farbtrennung zu erzielen. Deshalb ist der Veränderungseffekt auch bei kleinen Flächen intensiver als bei großen. Bei kleinen Flächen ist die Formerkennung erschwert, wodurch der farbliche Unterschied verstärkt wird. Der Simultankontrast gibt weiterhin eine Erklärung dafür, daß in der Umwelt selten wirklich neutrale, unbunte Farben gesehen werden. Auch schwarze, graue oder weiße Flächen erscheinen immer leicht farbig, sofern sie sich nicht in einem vollkommen farblosen Umfeld befinden.
Dann wurden in dem Foto mit Bedacht (nur) zwei Farben verwendet, die gegensätzliche Gefühle und Stimmungen auslösen:

Blau: Harmonie, Zufriedenheit, Ruhe, Passivität, Unendlichkeit, Sauberkeit, Hoffnung

Rot: Aktivität, Dynamik, Gefahr, Temperament, Zorn, Wärme, Leidenschaft, Eroberungswille, Tatendrang, exzentrisch

Du siehst, mit der bewußten Auswahl und Beschränkung der Farbe kann man seine Bilder schon deutlich verbessern.

Anzumerken bleibt aber noch die Diagonale, welche durch den hochgeklappten linken Kragen, der Kopfhaltung (Lippen), den Haaren und dem darunter befindlichen rechten Kragen getragen wird. Die Diagonale ist die dynamischste aller Linien, die Linie der Aktion und der Tat, längste gerade Linie in jedem Foto.
Zu ihr im Kontrast steht das Querformat und der waagerechte Horizont, dessen statische Komposition Ruhe, Stille, Sicherheit, Festigkeit, ruhende Kraft und Stabilität suggeriert.
Die hochliegende Anordnung des Gesichtes im Rahmen des Bildes ist ein wirkungsvolles Mittel, um Spannung zu erzeugen; da dann die Komposition kopflastig erscheint: Das Modell ist vom Boden gelöst und damit sozusagen im Raum balanciert, und der daraus entstehende Eindruck von Leichtigkeit und Erregung unterstützt mit grafischen Mitteln die Erregung, die von der Frau selbst ausgeht. Genau das Gegenteil würde sich natürlich ereignen, wenn man diese Anordnung umkehrt und das Gesicht tief plaziert. Dann scheint es fast auf sicherem Boden zu stehen. Ein Gefühl von Sicherheit und Festigkeit würde sich an die Stelle der vorherigen gehobenen Stimmung einstellen, und das Bild würde einen Eindruck von Schwere, Schwerfälligkeit oder Selbstzufriedenheit vermitteln.
Wichtig ist auch die Kameraposition.  Das betrachtete Objekt wirkt durch die Froschperspektive dominierend, groß und mächtig.

Ach ja, da war ja noch etwas. Genau! Deine Fragen. ;-) Die Technik, dieses sorgsam kontrollierte und gestaltete Bild auf den Film zu übertragen. Nun, eine _weiche_ großflächige Lichtquelle stand rechts in Höhe des Gesichtes. Damit Hintergrund und Modell richtig belichtet werden, kann man bei einem derartigen Bild eine helle Stelle des Himmels anmessen, diese Belichtung übernehmen und danach die Intensität des Blitzlichtes durch geeignete Abstandswahl, Verwendung eines geeigneten Diffusors oder durch eine angepasste Leuchtzeit einstellen.
Beispiel: Messung des Himmels ergibt 1/30 bei Blende 2,8. Da diese Zeit gleich oder länger der Blitzsynchronzeit ist, kann man diese Belichtungseinstellung direkt übernehmen. Ansonsten muß man eben eine längere Zeit und zum Ausgleich eine entsprechend kleinere Blende nehmen. Nun errechnet man den Abstand Blitz - Objekt nach der folgenden Formel:

Abstand Blitz - Objekt = Leitzahl* : gewählte Blende

*Streuschirm bzw. indirektes Blitzen berücksichtigen!

Sagen wir, man benutzt eine (aufblasbare) Softbox oder einen Reflexschirm mit einem Lichtverlust von zwei Blenden. Dann muß man die Leitzahl halbieren. Bei einem Blitz mit der angegebenen Leitzahl von 32 (bei dem verwendeten Film) muß man den Blitz in einer Entfernung von

16 : 2,8 = 5,7

Meter zum Modell aufstellen. Und erhält (mit der richtigen Bildgestaltung!) so ein tolles Foto, welches, wie von Dir ganz richtig vermutet wurde, in der Dämmerung bei nur locker bewölktem Himmel aufgenommen wurde.

Hendrik


Betreff: Re: Tips: blaue Stunde + Portrait
Datum: Sun, 24 May 1998 22:56:42 +0200
Von: Thomas Schreyegg <thomas.schreyegg@stud.uni-regensburg.de>
Foren: de.rec.fotografie

Hendrik wrote:

[Bildanalyse]

Ernst A. Weber meets Harald Mante - gelegentlich ist man auch als Stammleser ueberrascht, was einem hier so alles geboten wird! Mal eine schoene Alternative zu den Ausruestungs-Diskussionen. Ach ja, was macht eigentlich die Bilddiskussion???

Tom


Betreff: Re: Tips: blaue Stunde + Portrait
Datum: Mon, 25 May 1998 00:05:02 +0200
Von: Marco Wedel <marwedel@fbe.hs-bremen.de>
Firma: DLR
Foren: de.rec.fotografie

Hendrik wrote:
> [gesnipt]

Wirklich schön erklärt!

Marco

______________________________________________________
"Ein gutes Bild entsteht im Kopf, nicht in der Kamera"
Marco Wedel - marwedel@fbe.hs-bremen.de


Betreff: Re: Tips: blaue Stunde + Portrait
Datum: 25 May 1998 22:22:28 GMT
Von: Boml-Werk.7f@t-online.de (Bongartz, Karl-Heinz)
Firma: Boml-Werk
Foren: de.rec.fotografie

Hendrik <hendrik@mail.oih.rwth-aachen.de> wrote:

Viel zitierendswertes vom
> Hendrik

Bravo!
Beim Hendrik hätt ich doch glatt fotografieren gelernt.
Na ja, vielleicht ist es für mich noch nicht zu spät, wenn ich hier weiter fleißig mitlese.

Scharlih

--
Trink´s Bier aus!
Von hier aus!
Scharlih.
Boml-Werk@t-online.de


Betreff: Re: Tips: blaue Stunde + Portrait
Datum: 28 May 1998 09:27:59 GMT
Von: Jan Fischer <fischerj@haendel.e-technik.tu-chemnitz.de>
Firma: Fakultät für Elektrotechnik der Technischen Universität Chemnitz
Foren: de.rec.fotografie

Hallo Hendrik!

Deine Bildanalyse war echt gut! Du solltest vieleicht einmal ein Buch ueber das Thema schreiben oder gibt es hierzu bereits empfehlenswerte Literatur?

Tschuess

Jan
 


zurück